Grossstadtgeflüster im Interview

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Grossstadtgeflüster Interview: „Wir sind alle keine Macher-Typen.“

Großstadtgeflüster im Interview

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Silke Knauer hat sich mit Grossstadtgeflüster beim Summertime Festival zum Interview getroffen.

Ein warmer Sommertag, das wunderschöne Summertime Festival in Wolfenbüttel und Redakteurin Silke Knauer durfte die Headliner Grossstadtgeflüster interviewen. Die 2003 gegründete Band mit Jen Bender (Gesang), Raphael Schalz (Keyboard) und Chriz Falk (Schlagzeug) produzieren Hymnen wie “Fickt-Euch-Allee“ oder “Ich boykottiere Dich“ und sind mit Ihrem Elektropop-NDW-Gemisch am Puls der Zeit und verraten uns, dass es Neuigkeiten gibt:

Erst einmal kurz zu mir: Ich bin Silke und ich schreibe jetzt seit 1,5 Jahren für den Musikblogg soundkartell.de – schonmal gehört? Wir, also meine Freunde und ich, haben Euch dieses Jahr über die neuen Medien mit Liedern wie “Fickt-Euch-Allee“ und “Ich boykottiere dich“ entdeckt und uns auch gefragt, wie ihr es so viele Jahre geschafft habt, an uns vorbei zu kommen, da ihr nun an keinem Abend mehr fehlen dürft?!

Jen: Das mit den neuen Medien und unserem Jahrgang ist halt so ein Problem. Wir haben immer alles auf Kassette veröffentlicht und uns gewundert warum die jungen Leute uns nicht kennen… Nein, mal ernst: Keine Ahnung!

Ihr macht viel über die neuen Medien, man sieht Euch bei Facebook und Instagram Wie wichtig sind Euch die neuen Medien? Wie nutzt ihr sie und verfasst ihr Eure Einträge selber?

Chriz: Selber machen wir eh alles.

Jen: Es hat ja auch keiner Bock den Scheiß zu machen bei uns.

Chriz: Wir haben sowieso immer alles selber gemacht! Wir sind halt nie auf Radios gelaufen. Ich glaube das ist ein ziemlich großer Grund warum alles so ist, wie es ist.

Aber wie kommt das?

Chriz: Naja, man durfte ja früher z.B. Sachen wie „f…“ nicht sagen…

Aber ihr habt ja auch genug andere Lieder.

Chriz: Irgendwann entscheidet sich die Radiolandschaft einfach… Und so haben wir dann mit den neuen Medien angefangen, erst mit MySpace, dann YouTube und Facebook.

Raphael: Das Schöne an den neuen Medien ist halt, das man so schön ungefiltert sein kann, wie man ist, das ist der eindeutige Mehrwert. Das große Minus ist das ganze Vergleichen. Da möchte keiner von uns charakterlich etwas mit zu tun haben, aber man kommt nicht drumrum, es sei denn man logged sich aus und das ist dann für die Band nicht gut. Mit diesem ständigen Zwiespalt aus dem man nie rauskommt, machen wir das dann irgendwie.

Jen: Wir ducken uns grundsätzlich vor Zahlen. So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Und dementsprechend nutzen wir die sozialen Medien dann auch. Ich bin Baujahr ‘80. Es ist für mich unvorstellbar, dass sich jemand für mein Nichtstun interessiert.

Ich glaube das interessiert schon sehr viele!

Jen: Ja klar, aber es ist für mich noch nicht so greifbar. Ich denke, dass Leute, die ein bisschen jünger sind als ich, einen viel selbstverständlicheren Zugang dazu haben. Wir brauchen immer ein bisschen länger bis wir die jeweilige Plattform verstanden haben und dann treffen wir die Entscheidung, ob wir darauf Bock haben oder nicht. Alles was wir machen, machen wir nur, wenn es Bock macht und sonst nicht! Manchmal hast du Bock, dich 24 Std. beim kacken zu filmen und manchmal hast du zwei Wochen keinen Bock dein Handy in die Hand zu nehmen. Also sind die sozialen Medien ein Mittel zum Zweck und manchmal macht es Spaß.

Also steuert ihr das intuitiv?

Chriz: Wir sind immer grandios gescheitert, wenn wir uns in eine Art Maschinerie reingegeben haben. Immer wenn wir gesagt haben, oh jetzt haben wir die Chance und machen mal wieder was mit Major Labels, dann war das am Ende immer eine Katastrophe für uns. Und immer wenn wir alles selber gemacht haben, dann haben wir uns gut gefühlt. Wir sind alle keine Macher-Typen, eher die “ich denke du wolltest Dich drum kümmern“-Band, deshalb machen wir alles selbst und mal passiert viel und mal dann nichts.

Jen: Also wir haben schon drei soziale Plattformen überlebt. Gucken wir doch mal, was als nächstes kommt.

Ihr seid seit Jahren immer viel auf Tour und damit auch wenig zu Hause. Vermisst ihr Euer zu Hause und Freunde/Familie sehr? Wie haltet ihr Kontakt und was ist das erste was ihr macht, wenn ihr nach Hause kommt?

Raphael: Bei mir ist es schon so: Dinge in mich reinhauen, die ungesund sind: Chips, Burger, Netflix – das klassische Programm. Wir sind gar nicht so viel unterwegs, da gibt es ganz andere Bands. Wir haben irgendwann beschlossen, dass drei Gigs am Stück reichen müssen; wir sind ja keine 18 mehr und es tut alles schneller weh. Sind wir so viel unterwegs?

Jen: Ja, eigentlich schon. Wir sind aber eine Wochenend-Band. Aber dieses Jahr haben wir tatsächlich das erste Mal seit es uns gibt, ein halbes Jahr nicht gespielt. Und das war ganz komisch… ich hab keine Rückenschmerzen gehabt. Aber das lag halt auch daran, dass wir lange nichts Neues rausgebracht haben und gesagt haben, dass wir uns mal wieder ein bisschen im Studio einknuddeln. Und weil wir so viel spielen, möchten wir auch gerne mal wieder neue Songs spielen. Aber dann muss man die halt auch produzieren.

Und das wäre natürlich auch meine nächste Frage: Was erwartet uns neues und wann und… nach sechs Monaten frei müsst ihr ja was produziert haben.

Jen: Ja, äh nein, das haben wir nicht. Also, pass auf: Der bis gestern noch geheime Plan ist: Wir bringen neue Musik raus!

Das freut uns riesig. Aus was dürfen wir uns denn freuen?

Jen: Das wissen wir auch noch nicht. Es wird so wahrscheinlich im Herbst sein. Im moment produziert man ja hauptsächlich Einzeltracks und EPs und weil das gerade so gut läuft, machen wir malwieder ein Album! Aber auch hier machen wir ganz viel selber und suchen dann ein paar Leute, die uns hier und da unter die Arme greifen. Erstmal machen wir die Musik und dann gucken wir weiter, was es wird.

Das klingt bei Euch immer alles so entspannt? Ist das so bei Euch? Gibt es nie Streit und Hektik?

Jen: Nein, es ist alles so Ohm..

Raphael: Nein, so richtig Streit gibt es wirklich selten. Es gibt uns jetzt 15 Jahre und wir achten sehr darauf uns als Band künstlerisch weiterzuentwickeln aber noch mehr achten wir darauf, dass es uns als Gruppe wirklich gut geht.

Jen: Wir versuchen das Gift draußen zu halten. Das liegt aber auch daran, dass die Band unser Lieblingshobby ist. Es ist unser Seelenstreichler.

Großstadtgeflüster im Interview

Großstadtgeflüster im Interview

Trotzdem ist die Band ja auch mit Arbeit verbunden, was zwangsläufig zu Hektik und Stress führt und ihr müsst alles organisieren…

Chriz: Es gibt bei Bands ist es oft der Druck, dass jetzt alles passen muss und man erfolgreich sein muss. Dann verhärten sich die Charaktere und dann ist es nicht mehr schön. Wir sind bisher immer wieder ziemlich schnell an den Punkt gekommen, dass uns klar war, dass es Spaß machen muss. Wenn es kein Spaß macht, macht alles keinen Bock und wenn es keinen Spaß macht, dann sind wir auch nicht gut. Deswegen ist uns nicht alles egal und deswegen sind wir nicht scheiße, wir wollen uns vor allem einfach lieb haben.

Jen: So entspannt wie möglich und so locker wie möglich durch die Hose atmen.

Jen: Wieviel von Deinen Texten hast du von Deinem Vater übernommen? Gerade bei Songs wie: Über uns die Sterne erinnere ich mich doch an die NDW-Zeiten. Ist Dir das wichtig?

 Jen: Ich bin ja Baujahr 80 und dementsprechend hab ich ja die 80er Jahre in West-Berlin erlebt, mit einem Vater der Musik macht und einer Frau, die ihn dabei unterstützt, in dem sie das Geld verdient… Nein quatsch, es lief ja gut bei meinem Vater. Natürlich habe ich das alles inhaliert und auch wenn ich es mir nie direkt vorgenommen habe, steckt es mir in den Knochen und man ist dann sozialisiert auf sowas. Ich freue mich über Anknüpfungspunkte. Mir hat mal jemand gesagt, dass er gerne “Ideal“ hört und GSGF toll findet. Das kann ich voll nachvollziehen. Ich muss auch an dieser Stelle fairer Weise sagen, dass ich die Texte nicht alleine schreibe.

Aber trotzdem ist Dein Einfluss mit enthalten und es muss für Dich singbar sein!

Jen: Natürlich. Und das steckt in einem drin. Es ist jetzt nicht wichtig, aber ich würde es auch nicht leugnen. Manche Sachen machen mir auch total Spaß und manches finde ich mega doof. So Vergleiche wie Trio, da denke ich, es gibt schlimmeres. Der schönste Vergleich war einmal: Ihr seid wie Rosenstolz auf Crack, wobei die Betonung hier auf dem Crack liegt.

Was war das absolut schrägste Fangeschenk, was ihr je bekommen habt?

Raphael: Das ist jetzt gerade die Phase. Vor zwei Wochen haben wir einen Insta-Post veröffentlicht, auf dem ich ein Pferd geküsst habe und Jen hat aus Scherz dazu geschrieben, dass ich mir ein Wendy-Abo wünsche. Seitdem bringen unsere Fans immer Wendy-Zeitschriften zu den Konzerten.

Jen: Wie Raphael das jetzt runterspielt! Scherzhafterweise stimmt nicht. Er klopft jeden Tag morgens an die Tür und fragt wie lange es noch bis zu seinem Geburtstag dauert und er sein Wendy-Abo bekommt. Und jetzt tut er so, als wär das nur ein Gag.

Chriz: Neulich haben wir in Berlin gespielt und da kamen Leute aus Wien und haben ein Wendy-Heft auf die Bühne gebracht. Das war beeindruckend.

Raphael: Aber das schrägste und spektakulärste Fangeschenk war eine Klorolle.

Jen: Das war suuper!

Raphael: Wir haben einmal eine Klorolle geschenkt bekommen, wo komplett alle 600 Blätter beschriftet waren mit Textzeilen von uns und mit Grüßen.

Jen: Da hat jemand die ganze Rolle vollgeschrieben und uns die geschenkt. Und am Anfang war der Text von uns von “Haufenweise Scheiße“… das war super!

Chriz: Die war dann aber einfach viel zu schnell aufgebraucht. Das war ein bisschen schade.

Jen: Aber es war geil, die war vierlagig und recyclebar…

Was ist Eure schönste und was ist Eure schlimmste Bühnenerfahrung?

Jen: Puh, die schönste ist einfach sehr schwer, weil es so viele adrenalinvolle Momente, Abende und Nächte gab, dass ich nicht nur eine nennen kann, weil ich die anderen dann abwerten würde. Aber ein ganz großer Moment war für mich einmal auf der Waldbühne in Berlin zu stehen. Wir sind die Band mit den prozentual höchsten Ur-Berlinern – nach Seeed – nämlich 2 von 3 und deshalb war das ein riesen Ding für uns. Dieser heilige Ort mit diesen unfassbar vielen Menschen! Das war schon krass. Aber es gibt auch die kleinen Clubs, wo du vor ein paar Menschen stehst und die singen dann alle Deine Texte mit, das ist dann so ein Wir-Gefühl.

Was war der Punkt, wo du am liebsten weggelaufen wärst?

Jen: Das sind dann so momente, wo einfach nichts funktioniert. Und da ist es dann auch ganz egal, wie viele Menschen vor der Bühne stehen. Wenn Du Dich z.B. selber nicht hören kannst und du merkst, dass der Vibe von Menschen hinter der Bühne nicht gut ist, dann wird es schwierig. Das sind dann Schlechte-Laune-Momente. Die dauern bei uns in der Regel 30 Sekunden. Aber man kann sich ja auch Dinge schön reden.

Raphael: Bei schlechten Erfahrungen ist es immer so, dass es in der Situation nervt, aber im nachhinein sind es dann die besten Anekdoten. An viele gute Konzerte kann ich mich nicht mehr erinnern, dass ist so eine graue Masse geworden, aber die richtigen Aufreger, wo jemand einfach richtig scheiße war, das ist dann eine gute Geschichte, an die man sich erinnert.

Jen: Wenn man erstmal auf der Bühne ist, ist alle egal. Wirklich Mist passiert mal davor oder danach. Aber auf der Bühne selbst findet man dann immer was, was Spaß macht.

In einem Interview 2013 habt ihr gesagt, dass man die Erwartungen so weit wie möglich zurück schrauben muss, die Zeit einfach genießen sollte, weil alles endlich ist. Das ist jetzt 5 Jahre her. Eure Karriere geht steil bergauf und es ist kein Ende in Sicht. Hat sich Eure Einstellung verändert? Irgendeine Erwartung müsst ihr ja haben um auch ein Ziel zu definieren.

Jen: Ja, findest Du? Ne, ich glaube, die Erwartungshaltung bezieht sich gar nicht auf das was man selber vor hat, sondern die Erwartungshaltung, die sich auf eine Reaktion von außen bezieht. Das ist so fiktiv und Zukunftsmusik. Ich glaube am Ende des Tages sind es die kleinen Nah-Ziele, die Spaß machen. Ich würde es immer noch so unterschreiben, dass Erwartungen einen eventuell in eine ungesunde Richtung lenken. Vor allem kommerzielle Erwartungen, eine Erwartungshaltung an Menschen, wie sie zu reagieren haben und wie sie etwas aufnehmen. Ich hab keine Glaskugel. Ich hab jetzt gerade Bock auf bestimmte Dinge und freue mich, wenn ich noch ein paar Feste mit anderen feiern kann, die da auch Spaß dran haben.

Chriz: Man kann das wirklich gut voneinander trennen. Es klingt immer unmöglich, ist aber gar nicht so schwer. Wenn man Musik gerne macht, dann macht man erstmal Musik. Wenn man dann sagt: Ok, wir haben hier die Chance das rauszubringen, ist das unser Ziel und direkt danach ist das erstmal abgeschlossen. Es ist wie ein Geschenk schenken: Wenn du ein Geschenk schenkst, dann ist es das beste für Dich, wenn du dich davon löst zu checken, ob derjenige sich auch wirklich freut. Es ist erstmal wichtig, dass du geschenkt hast! Wenn du dann dabei bist, während er sich freut, dann ist es super. Wenn wir Konzerte spielen und die Leute freuen sich, dann ist es natürlich total toll und wir haben auch voll Bock nächstes Jahr noch zu spielen.

Jen: Eventuell ist es auch eine Frage der Begrifflichkeit. Ich würde Ziele und Erwartungen nicht gleich setzen.

Raphael: Wir möchten uns von allem, was nicht in unser Hand liegt, frei machen. Du hast natürlich Recht, dass das ein angestrebtes Ziel, was nicht einfach in der Umsetzung ist.

Jen: Damit hast Du es sehr gut auf den Punkt gebracht: Das angestrebte Ziel ist, die Erwartungshaltung so gut wie möglich von sich weg zu halten.

Raphael: Natürlich sind wir in dem was wir tun ehrgeizig, also wir haben schon Bock uns selbst zu flashen mit dem was wir als nächstes tun und ich glaube nicht, dass wir eine Platte rausbringen würden, wenn wir die Songs nur okay finden würden. Flashen ist hier aber Definitionssache, das kann in unserem Kosmos ein Ballersongs sein, der uns derbe zum Lachen bringt und genauso kann es ein Song sein, wo wir denken: endlich ist uns mal was relevantes eingefallen..

Jen: Das halte ich für relativ unwahrscheinlich…

Großstadtgeflüster im Interview

Großstadtgeflüster im Interview

Wir sind in Wolfenbüttel, das ist die Hauptstadt des Jägermeisters…

Jen: Halleluja! Damit fing alles an damals!

Ich hab gelesen, ihr kauft gern regional. Jetzt habt ihr ein Problem oder?

Jen: Jawoll! Man macht ja auch als Band klassische Anfängerfehler. Das ist auch eine gute Überleitung von den Erwartungen. Man fängt mit großen Erwartungen und Jägermeister an und landet dann bei einem unterreduziertem klaren “Nicht-zuviel-erwaten“. Das ist die Musiker-Altersweisheit: weniger Zucker im Schnaps und weniger Erwartungen. Wir sind jetzt bei Wodka angekommen.

Ihr kommt oft auf das Thema Alter zu sprechen. Fühlt ihr Euch alt?

Jen: Wir kokettieren mehr damit. Es tut alles weh – was soll man machen. Und für unsere Zunft sind wir keine Küken mehr! Wenn ich Bibliothekarin wäre, würde meine Midlifecrisis vielleicht auch zehn Jahre später einsetzen?! Früher war halt Yeah Konfetti und jetzt so Bademantel und Schluppen.

Ich möchte mich für ein wirklich entspanntes und sympathisches Interview bei Großstadtgeflüster bedanken und freue mich persönlich auf den Herbst und das neue Album.

Aber auch ein paar Impressionen von dem Live-Auftritt auf dem summertime-Festival in Wolfenbüttel möchte ich Euch nicht vorenthalten. Die Stimmung war super, die Band hat das Publikum voll mit eingebunden und es geschafft eine große Gemeinschaft zu bilden, die mit Konfetti und Luftballons fett gefeiert wurde. Ihr seid super!

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